Wie kann die transgenerationale Weitergabe psychischer Erkrankungen auf Kinder unterbrochen werden?
Interview mit Prof. Dr. Michael Hipp
Die transgenerationale Weitergabe psychischer Erkrankungen bedeutet, dass sich seelische Störungen, Traumata und gestörte Bindungsmuster von einer Generation zur nächsten fortsetzen – nicht nur über Gene, sondern vor allem über Beziehungserfahrungen in den ersten Lebensjahren.
Kinder psychisch erkrankter Eltern kommen oft in ein Umfeld, in dem Fürsorge und Schutz nur eingeschränkt verfügbar sind: Signale wie Weinen, Angst oder Nähebedürfnis werden zu spät, gar nicht oder mit Überforderung, Ärger und Stress beantwortet. Statt beruhigendem Oxytocin dominiert das Stresshormon Cortisol, das die Gehirnentwicklung empfindlich stören kann.
Gerade die Zeit von der Schwangerschaft bis etwa zum dritten Geburtstag ist entscheidend: Hier wird das Fundament für Stressregulation, Vertrauen, Empathie und Lernfähigkeit gelegt. Fehlt in dieser Phase eine verlässliche Bindungsperson, entwickeln viele Kinder eine niedrige Stress- und Frustrationstoleranz – mit hoher Gefahr für spätere psychische Erkrankungen, Schulprobleme, Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit vom Sozialsystem. Was in diesen ersten drei Jahren versäumt wird, lässt sich später nur sehr begrenzt nachholen und verursacht immense Folgekosten für die Gesellschaft.
Hilfreich sind frühe, niedrigschwellige Angebote für belastete Familien: gut geschulte Hebammen und Kinderkrankenschwestern, bindungsorientierte Unterstützung in Kitas, sowie Schulen, die diese Kinder nicht mit Strafe und Leistungsdruck, sondern mit Beziehung, Verlässlichkeit und klarer Fürsorge begleiten. Ziel ist, den „Teufelskreis“ zu unterbrechen, indem Eltern stabilisiert werden und Kinder mindestens eine verlässliche Bezugsperson erleben, die ihnen Sicherheit, Trost und Selbstwirksamkeitserfahrungen vermittelt.
Genau hier setzen Angebote wie die der BerndtSteinKinder Stiftung an: Sie investieren bewusst in die ersten Lebensjahre, um individuelles Leiden zu verringern – und langfristig hohe gesellschaftliche Folgekosten zu vermeiden.